Eine Geschichte vom Helfen: Ordnung muss sein

Zurück zuhause beim Rasenmähen ist es das Verlängerungskabel, das zur Ordnung ruft. Es hat sich zu einem dicken, roten, gordischen Knoten zusammengerollt. Ich finde keinen Anfang. „Manchmal hilft es, am anderen Ende zu beginnen“, hat Papa in solchen Momenten gesagt. Papa, der Praktiker. Papa, der Handwerker, der so großen Wert darauf legte, dass seine Kinder früh lernen, mit Tapezierbürste, Schraubenzieher, Spachtel und Malerrolle umzugehen. Papa, der seiner Tochter zur Hochzeit eine Schlagbohrmaschine geschenkt hat und einen Kasten mit vielen Fächern für Dübel, Schrauben, Muttern. „Ordnung muss sein.“ Bei Lebens- und anderen Weisheiten war er freigiebig. Der Knoten gehört gelöst, der Strang entwirrt, der Gedanke gehalten. Vielleicht lässt sich erzählend die Welt richten. „Hör nicht auf, zu schreiben.“ Ich musste es Jenny versprechen. Den Faden nicht verlieren, nicht mehr loslassen, aus Worten Bilder machen, aus Bildern Worte, auch wenn sie wehtun.

Das andere Ende

Am anderen Ende der Katastrophe sitzen nach vier Wochen noch immer Menschen in Häusern, in denen der Keller voller Schlamm steckt und die Zerstörung bis ins Oberstübchen reicht. Menschen, die das Wasser nicht aus dem Kopf bekommen – in deren Augen alles schwimmt, was schwimmen kann. Oder eben nicht. Abends im Camp erzählt man einander von den Geschichten, die man tagsüber beim Hilfseinsatz gehört hat. Die meisten erzählen wenig von dem, was sie selbst erlebt haben. Fast jede und jeder kennt eine Geschichte von einem, den es vielleicht noch schlimmer erwischt hat.

Da ist die von dem Paar, das seine Kinder ins Auto setzt, als das Wasser kommt, schnell noch einmal ins Haus läuft, um irgendetwas zu holen. Irgendetwas, das nachher niemanden mehr interessiert. Als sie wieder hinauskommen, hat das Wasser das Auto mitgenommen. Oder die Geschichte von der Nachbarin, die mit ansehen muss, wie ihr Mann unten im Haus ertrinkt. Die Tür zum Keller hatte eine Glasscheibe. Der Wasserdruck ist zu groß um die Tür zu öffnen. Nur die Bilder gehen noch hindurch.

Dann war da der Mann, der sich an einen Baum klammert und dabei versucht, seine Frau festzuhalten, bis es sie wegreißt.

Da ist auch die Geschichte von der vierköpfigen Familie, die zusammengekauert auf dem Dach ihres Hauses ausharrt, bis sich die Flut das gesamte Haus einverleibt. Ob sie zu den etwa 20 Personen gehört, die nach vier Wochen noch vermisst werden, weiß niemand so genau.

Und die vom Nachbarn, der allen Warnungen zum Trotz seinen Wagen ins Trockene bringen will, als das Wasser schon kniehoch in den Straßen steht. Sie haben ihn zuletzt gesehen, als er langsam gegen die Strömung anwatend auf sein Auto zuging.

Schließlich die von der alten Dame, die oben im Dunkeln darauf hofft, dass jemand kommt, um unten die Verwüstung ungeschehen zu machen, die ihr die Energie genommen hat. Das Haus hat keinen Strom, weshalb sie die Rollläden nicht öffnen kann, und in Keller und Erdgeschoss steht noch immer der Schlamm.

Wer keine Geschichte kennt, die schlimmer als seine eigene ist, bleibt stumm. Jürgen 2, Tennis- und Geschäftspartner von Hans, sitzt oft abends mit in der Runde. Er kennt viele, die „abgesoffen“ sind. Er führt gerne das Wort, spricht von besseren Zeiten, auch den eigenen. Oder davon, dass Hans der bessere Tennislehrer sei – „in Wahrheit ist er der beste, den ich je erlebt habe“. Auch davon, wie der Verein sofort nach der Katastrophe Platz geschaffen hat für die Helfer. Nur einmal wird seine Stimme klein. „Es hat schon einige Suizide gegeben.“

Am anderen Ende der Katastrophe finden sich im Netz nach vier Wochen noch Hilferufe. Helfer suchen Helfer. Helfer, die zufällig auf Menschen gestoßen sind, an denen die Welle der Hilfsbereitschaft bislang komplett vorbeigegangen ist. Helfer, die feststellen, dass sie mit der Aufgabe, die sie vorfinden, überfordert sind. Schlammschipper, die Elektriker suchen, damit die alte Dame Licht ins Haus bekommt. Dachdecker, die Containerdienste suchen, weil die Hausbesitzer, deren Dächer sie flicken, Ärger mit ihrer Kommune bekommen, wenn wieder Schutt vor den Häusern landet. Baggerfahrer, die Bagger suchen.

Martin sucht Patrick. Die beiden sind am gleichen Tag angereist und haben sich sofort als Team zusammengetan. Martin ist sonst Pannenhelfer, Patrick bei der Feuerwehr. Er hat schon 13 Tage Akut-Einsatz hinter sich, war direkt nach der Katastrophe in Blessem, wo der Kiesgrubeneinbruch Häuser und Straßen mitgerissen hat. 20 Meter gehe es da in die Tiefe, erzählt er. Eben hat er erfahren, dass weitere drei Häuser im Einzugsbereich der Grube unrettbar verloren sind. Er habe schon viel gesehen, meint er. Aber das hier, das lasse ihn nicht mehr los. Also ist er jetzt als privater Helfer gekommen. Patrick schenkt mir einen Helm für meinen geplanten Einsatz in Walporzheim. Am nächsten Tag ist er abgereist. Private Gründe, meint Martin. Stress mit der Freundin. Aber Patrick komme wieder, schon bald. Es dauert zwei weitere Tage, bis Martin es aufgibt, Patrick anzurufen, weil der nie rangeht, nie zurückruft und bis zu meiner Abreise auch nicht wieder auftaucht.

Viele Helfer brauchen Hilfe. Das beklagt auch Markus Wipperfürth in einem seiner unzähligen Videos. Der Lohnunternehmer, der — halb gezogen, halb gesunken — zu einer der Stimmen der privaten Helferbewegung geworden ist, ruft seine Follower auf: „Sucht euch Hilfe.“ Viele von ihnen hätten Dinge gesehen, gehört und erlebt, auf die sie schlicht nicht vorbereitet waren, weil sie dafür nicht ausgebildet seien. Habe ich bis dato das virale Treiben des Mannes mit einiger Skepsis betrachtet, wird er mir spätestens jetzt sympathisch. „Sucht euch Hilfe“, sagt er. „Ich werde es auch tun.“

Marcus will wiederkommen. So wie Patrick vor ihm, wie Philip, wie Quentin, wie Manuel, Phil, Christine und unzählige andere. „Man muss einfach“, sagt er. Zum Abschied schenkt er mir ein Cuttermesser mit Ersatzklingen. Mein altes, das ich aus dem Werkzeugkasten von Papa gezogen habe, hat kapituliert. Marcus‘ Klingen sind ordentlich verpackt in einem Etui, das er mir gleich mit in die Hand drückt. „Ja“, sage ich. „Man muss wohl.“

Veröffentlicht von

c-nit

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2 Gedanken zu „Eine Geschichte vom Helfen: Ordnung muss sein“

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